Die gesamte IT-Infrastruktur hängt an Microsoft, Google oder Amazon. E-Mails laufen über Outlook, Dokumente über M365, der Browser ist Chrome, der Shop läuft auf Shopify. Funktioniert alles, aber Preiserhöhungen kommen im Jahresrhythmus. Datenschutz wird zum Glücksspiel, und wenn ein US-Konzern die Bedingungen ändert, nickt man und zahlt weiter.
Digitale Souveränität ist keine politische Diskussion, sondern unternehmerische Unabhängigkeit. Die Abhängigkeit von außereuropäischen Tech-Konzernen ist ein Risiko, technisch, wirtschaftlich und rechtlich. Doch es gibt längst Alternativen. Ausgereifte, europäische Software, die in der Praxis funktioniert.
Digitale Souveränität: Schleswig-Holstein zeigt, wie es geht
Das nördlichste Bundesland Deutschlands macht seit Jahren vor, dass der Wechsel zu Open Source funktioniert. Im Oktober 2025 hat Schleswig-Holstein die Umstellung von über 40.000 Postfächern von Microsoft Exchange und Outlook auf Open-Xchange und Mozilla Thunderbird abgeschlossen. Mehr als 100 Millionen E-Mails und Kalendereinträge wurden migriert.
Parallel dazu läuft seit 2021 die schrittweise Ablösung von Microsoft Office durch LibreOffice auf 30.000 Rechnern.
SharePoint wird durch Nextcloud ersetzt, Linux als Desktop-Betriebssystem wird getestet. Die Landesregierung spricht von einem Meilenstein für digitale Souveränität.
Was Schleswig-Holstein macht, ist Pragmatismus. Die Entscheidung fiel nicht aus Prinzip gegen Microsoft, sondern für mehr Kontrolle, Transparenz und Datenschutz.
Welche Alternativen gibt es konkret?

Thunderbird statt Outlook
Mozilla Thunderbird ist ein vollwertiger E-Mail-Client mit Kalender, Kontaktverwaltung und Unterstützung für Exchange-Server. Kostenlos, quelloffen, läuft auf Windows, macOS und Linux. Wer bisher Outlook nutzt, findet sich schnell zurecht. Plugins erweitern den Funktionsumfang nach Bedarf.
Firefox statt Chrome
Google Chrome dominiert den Browsermarkt und sammelt dabei Daten. Mozilla Firefox ist schnell, sicher, datenschutzfreundlich. Firefox blockiert standardmäßig Tracker. Für Unternehmen gibt es mit Firefox ESR eine Version mit verlängertem Support.
LibreOffice statt Microsoft 365
LibreOffice ist eine vollständige Office-Suite mit Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentationssoftware und mehr. Die Software unterstützt gängige Microsoft-Formate wie DOCX, XLSX und PPTX sowie offene Standards wie ODF. Bei einfachen bis mittleren Anforderungen funktioniert LibreOffice. Komplexe Excel-Makros oder aufwendige PowerPoint-Animationen können Probleme machen, für die meisten Unternehmen reicht der Funktionsumfang.
Nextcloud statt Google Drive oder Dropbox
Nextcloud aus Deutschland ist die europäische Cloud-Lösung für Dateispeicherung, Kalender, Kontakte und Zusammenarbeit. Die Plattform läuft auf eigenen Servern oder bei europäischen Hostern und lässt sich mit Office-Lösungen wie Collabora oder OnlyOffice erweitern. Nextcloud bietet volle Kontrolle über die Daten und erfüllt alle DSGVO-Anforderungen. Schleswig-Holstein nutzt Nextcloud bereits als SharePoint-Ersatz.
OnlyOffice oder Collabora Online für Cloud-Office
OnlyOffice aus Lettland und Collabora Online aus Großbritannien sind browserbasierte Office-Lösungen, die sich in Nextcloud oder andere Plattformen integrieren lassen. OnlyOffice bietet die beste Kompatibilität mit Microsoft-Formaten und Echtzeit-Kollaboration. Collabora basiert auf LibreOffice und passt besonders für Teams, die bereits LibreOffice nutzen. Beide Lösungen können auf europäischen Servern gehostet werden.
CryptPad für verschlüsselte Zusammenarbeit
CryptPad aus Frankreich ist eine Ende-zu-Ende-verschlüsselte Kollaborationsplattform für Dokumente, Tabellen, Präsentationen und mehr. Selbst der Serverbetreiber kann die Inhalte nicht lesen. Für Teams, die mit sensiblen Daten arbeiten, ist CryptPad eine der sichersten Lösungen.
Linux statt Windows 11
Windows 11 bringt mittlerweile so viele Zwangsfunktionen mit, dass sich viele Anwender fremdbestimmt fühlen. Zorin OS ist eine Linux-Distribution, die speziell für den Umstieg von Windows entwickelt wurde. Die Oberfläche sieht Windows ähnlich, der Umstieg fällt leicht. Zorin OS ist stabil, schnell und kommt ohne die datensammelnden Zwangsfunktionen von Windows aus. Für Standardanwendungen funktioniert Linux heute problemlos.
Eigenen Shop hosten statt Shopify
Shopify ist bequem, aber teuer und wenig flexibel. Wer einen WooCommerce– oder Shopware-Shop auf eigenem Hosting betreibt, behält die volle Kontrolle über Daten, Funktionen und Kosten. Für Händler, die langfristig planen, ist der eigene Shop wirtschaftlich attraktiver. Der Einstieg ist mit modernem Managed Hosting unkompliziert, man bleibt unabhängig von Preiserhöhungen und Plattform-Änderungen.
Matomo statt Google Analytics
Matomo ist die DSGVO-konforme Alternative zu Google Analytics. Die Webanalyse-Software kann selbst gehostet oder in der Cloud genutzt werden – in beiden Fällen bleiben die Daten unter eigener Kontrolle. Matomo liefert ungefilterte, nicht gesamplete Daten und verzichtet auf Cookie-Banner (wenn entsprechend konfiguriert). Die Europäische Kommission nutzt Matomo für ihre Websites. Die Software bietet alle wichtigen Funktionen: Besucherströme, Conversions, Heatmaps, Session-Recordings.
Plausible für einfache Webanalyse
Plausible aus Estland ist eine schlanke, datenschutzfreundliche Analytics-Lösung ohne Cookies. Die Software ist bewusst einfach gehalten und verzichtet auf komplexe Funktionen. Wer keine umfangreichen Analysen braucht, sondern nur die wichtigsten Kennzahlen sehen will, bekommt mit Plausible eine schnelle, DSGVO-konforme Lösung.
Element und Matrix statt Slack oder Teams
Element ist ein Open-Source-Messenger, der auf dem dezentralen Matrix-Protokoll basiert. Die Software bietet Chat, Videokonferenzen und Dateifreigabe – selbst gehostet oder über europäische Anbieter. Die Europäische Kommission testet Matrix bereits als Teams-Ersatz. Element funktioniert ähnlich wie Slack, ist aber vollständig unter eigener Kontrolle.
Wire für sichere Kommunikation
Wire aus der Schweiz bietet Ende-zu-Ende-verschlüsselte Kommunikation für Teams. Die Plattform umfasst Messenger, Videotelefonie und Dateifreigabe. Wire erfüllt höchste Sicherheitsstandards und wird auch von Behörden und regulierten Branchen eingesetzt.
Jitsi Meet und BigBlueButton statt Zoom
Jitsi Meet ist eine Open-Source-Videokonferenzlösung, die ohne Account funktioniert und selbst gehostet werden kann. BigBlueButton ist speziell für Online-Unterricht und Webinare entwickelt worden, funktioniert aber auch für Meetings. Beide Tools sind kostenlos, DSGVO-konform und laufen auf europäischen Servern.
Wero statt PayPal
Wero ist die europäische Antwort auf PayPal, Apple Pay und Co. Hinter dem Zahlungsdienst steht die European Payments Initiative, getragen von 16 europäischen Banken. Wero ermöglicht schnelle Banküberweisungen in Echtzeit und startete 2024 zunächst als Peer-to-Peer-Lösung. Seit November 2025 läuft die schrittweise Einführung für E-Commerce in Deutschland, Frankreich und Belgien. In den Niederlanden nutzen bereits über 200.000 Händler die Plattform. Bis Ende 2026 soll Wero in weiteren europäischen Ländern verfügbar sein. Wero durchbricht das Monopol der US-Zahlungsdienstleister.
Odoo für ERP und CRM
Odoo aus Belgien ist eine modulare Open-Source-Plattform für Unternehmensverwaltung. Von CRM über Buchhaltung bis zu E-Commerce und Lagerverwaltung deckt Odoo alle Geschäftsprozesse ab. Die Software kann selbst gehostet oder als Cloud-Lösung genutzt werden und passt besonders für kleine und mittlere Unternehmen.
Pipedrive für Vertriebsmanagement
Pipedrive aus Estland ist eine schlanke CRM-Lösung, die sich auf Vertrieb konzentriert. Die Software ist intuitiv, schnell eingerichtet und hilft Teams, ihre Verkaufsprozesse zu organisieren. Pipedrive speichert Daten in europäischen Rechenzentren und ist DSGVO-konform.
Office.eu: Die neue europäische Office-Suite
Anfang 2026 kündigte das belgische Unternehmen Office.eu eine weitere Alternative zu Microsoft 365 und Google Workspace an. Die Suite basiert auf Collabora Online (einer browseroptimierten Version von LibreOffice) und Nextcloud Hub. Gehostet wird in europäischen Rechenzentren, der Fokus liegt auf DSGVO-Konformität und digitaler Souveränität.
Office.eu bietet Programme wie EU Drive, EU Docs und EU Talk als klassische Desktop-Anwendungen für Windows, macOS und Linux sowie als Browser-Version. Die flächendeckende Einführung in Europa ist für das zweite Quartal 2026 geplant. Die Preise sollen mit bestehenden Lösungen vergleichbar sein, zusätzlich wird eine kostenlose Basisversion angeboten.
Wie realistisch ist der Umstieg?
Der Umstieg auf europäische Alternativen erfordert Planung. Schleswig-Holstein hat mehrere Jahre Vorbereitung investiert, eng mit Herstellern zusammengearbeitet und die Umstellung schrittweise durchgeführt. Für kleinere Unternehmen geht es schneller, weil weniger Abhängigkeiten bestehen.
Man muss nicht alles auf einmal umstellen. Wer heute Thunderbird statt Outlook nutzt, Firefox statt Chrome und seinen Shop auf eigenem Hosting betreibt, hat schon drei Abhängigkeiten reduziert.
Funktioniert das wirklich? Für die meisten Anwendungsfälle ja. Thunderbird kann alles, was Outlook kann. LibreOffice deckt 90 Prozent der Office-Anforderungen ab. WooCommerce oder Shopware sind technisch mindestens auf Augenhöhe mit Shopify – bei deutlich mehr Freiheit.
Warum digitale Souveränität kein Luxus ist
Digitale Souveränität bedeutet Kontrolle. Wer seine gesamte Infrastruktur auf fremde Plattformen baut, macht sich abhängig – von Preisen, Bedingungen, Datenschutzrichtlinien und politischen Entscheidungen. Diese Abhängigkeit wird zum Problem, wenn Anbieter Preise erhöhen, Funktionen streichen oder den Support einstellen.
Europa hat erkannt, dass Souveränität ein Standortfaktor ist. Frankreich setzt mit „LaSuite“ auf Open-Source-Software für die Verwaltung. Deutschland geht mit Schleswig-Holstein voran. Unternehmen profitieren doppelt: Sie werden unabhängiger und nutzen Software, die nach europäischen Datenschutzstandards entwickelt und gehostet wird.
Für kleinere und mittlere Unternehmen ist der Umstieg oft einfacher als gedacht. Die Tools sind da, sie funktionieren, und sie kosten meist weniger als die großen Anbieter.
Der Umstieg beginnt mit der ersten Entscheidung
Die Alternativen sind ausgereift, der Support ist da, die Community hilft. Schleswig-Holstein zeigt, dass es funktioniert – auch im großen Stil. Für Unternehmen, die Wert auf Datenschutz, Kostenkontrolle und Unabhängigkeit legen, lohnt sich der Umstieg.
